3 Europa zur Zeit der Renaissance

Zeitlich gesehen, kann man die Renaissance zwischen 1350 und der Mitte des 16. Jahrhunderts einordnen. "Renaissance" bedeutet Wiedergeburt, genauer die Wiedergeburt der antiken Erkenntnisse und Kenntnisse. Unsere gesamte Neuzeit beruht auf ihr. Erstmals wurde der Begriff der Renaissance von G. Vasari († 1574) in seinen Künstlerbiographien angewandt, um die wahre, an der Antike gebildete Kunst Italiens von der barbarischen vorher abzuheben.

3.1 Die Wirtschaft

Europa geriet im 14. Jahrhundert bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts in eine Zeit der Umwälzungen und Krisen. Stagnation oder gar Rückgang der Wirtschaft waren in ganz Europa die Folge, jedoch gab es verschiedene Länder und Branchen,, die sich immer mehr hervortaten. Auf der einen Seite Frankreich, dessen Wirtschaft aufgrund der Kriegswirren (Hundertjähriger Krieg), Mißernten und anderen Nöten beinahe zusammenbrach, auf der anderen Seite Flandern, dem es wirtschaftlich gesehen sehr gut ging. Niedergang und Fortschritt waren in ganz Europa kennzeichnend für die damalige Zeit.

3.1.1 Die Landwirtschaft

Im 13. Jahrhundert ging es der wachsenden Bevölkerung noch recht gut, doch im darauffolgenden 14. Jahrhundert wurden weite Teile Europas von Hungersnöten heimgesucht. Grund waren schlechte Ernten und harte Winter. Epidemien brachen aus, die Geburtenrate ging zurück, soziale Unruhen beherrschten die Lande. Die daraus resultierende Überproduktion in der Landwirtschaft war der Beginn einer Krise in diesem Wirtschaftsbereich; der Preisverfall verschärfte sie noch. Existenzängste kamen auf, und so verließen viele Menschen das Land und gingen in die Städte. So lagen viele Bodenflächen in Europa brach, ganze Dörfer waren verlassen (lost villages). Die landwirtschaftliche Produktion sank, jedoch nicht nur aufgrund von Klimaveränderungen: Die Bauern spezialisierten sich, denn es sollte der größtmögliche Gewinn erzielt werden. Statt Getreideanbau, der lange vorherrschte, kamen neue Bereiche auf. Weinanbau und Viehzucht. Der Fernhandel mit Getreide wuchs, vor allem in ostpreußischen und polnischen Anbaugebieten.

Auch die Nachfrage nach Wolle stieg. England war der Hauptlieferant für Wolle für das französische und flämische Tuchgewerbe. Schon im 14. Jahrhundert begann nämlich die Kleidung zum Modeartikel zu werden. Um sein eigenes Tuchgewerbe zu fördern, reduzierte der Inselstaat die Exportmengen, und Spanien wurde Hauptlieferant.
Da sich die Ernährungsgewohnheiten änderten, zum Beispiel mehr Butter gegessen wurde, wirkte sich dies wiederum positiv auf die Milchproduktion in den Nordstaaten Europas aus. In den Südländern wurden verstärkt Obstplantagen angebaut, Der Weinbau aus Griechenland und Spanien, sowie aus dem Elsaß brachte die meisten Gewinne. Obwohl es auf der einen Seite einen Aufschwung in der Viehzucht, im Gemüseanbau und in den Spezialkulturen gab, war der Rückgang in der Getreideproduktion unaufhaltsam. Dies trug zur allmählichen Veränderung der Landwirtschaft bei.

3.1.2 Das Gewerbe

Tuche waren im 13. Jahrhundert ein wichtiger und bedeutender Exportartikel.. In Flandern und in Nordfrankreich waren die Hauptstandorte. Aufgrund sozialer Unruhen in den dortigen Regionen verlagerten sich die Zentren , zum Beispiel nach Brüssel. Später ging der Handel mit Textilien zurück, und es bildeten sich neue Branchen, wie Teppichweberei und Emailarbeiten. Die Nachfrage nach Baumwolle war die Folge der Entwicklung der Mode, denn es war nun üblich, Baumwollhemden zu tragen.
Da sich im 14. Jahrhundert die Ernährung änderte - weg von Brei oder Fladen, hin zu Gemüse und Fleisch - stieg die Nachfrage nach Salz, zwecks Konservierung von Fleisch und Fisch. Das Salz gehörte seit dieser Zeit zu den wichtigsten Gütern im europäischen Fernhandel. Auch der Bergbau wurde verstärkt betrieben. Aufgrund der neueren Erkenntnisse der Wissenschaft und der immer neueren Techniken, wurde es der Schmiedearbeit erleichtert, mehr Gegenstände aus Eisen herzustellen. Dies war zuvor nicht möglich gewesen.

3.1.3 Handel und Banken

Anfangs wechselten die Hauptstandorte der jeweiligen Branche ständig. Drehscheibe des europäischen Handels waren als erstes die Messen der Champagne, Genf folgte, und später waren es deutsche Städte wie Frankfurt und Leipzig. Es war eine Zeit, in der sich krisenhafte Entwicklungen und wirtschaftliches Wachstum gegenüberstanden, eine Zeit der Anpassungsprozesse und Umstrukturierung. Im europäischen Fernhandel vollzog sich eine solche Umstrukturierung, der Handel über Land ging zugunsten des neuaufkommenden Seehandels zurück. Die Wissenschaft, die in der Renaissance zu voller Blüte kam, leistete einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Handels. Der Erfindungen von Kompaß und Seekarten erleichterte den Seeleuten die Fahrt, außerdem sparten sie Zeit, weil sie nun den kürzesten Weg kannten. Die Entwicklung fand jedoch nicht nur zu Wasser statt, sondern auch auf dem Festland. Tatsache war, daß die Kaufleute seßhaft wurden, und sich in ihrer Stadt zu Handelskompanien zusammenschlossen, die Risiken waren deshalb nicht mehr so groß. Ein Beispiel ist die florentinische Kompanie der Peruzzi (1275 - 1343), die ihre Handelsgeschäfte über verschiedene Filialen, die sich beinahe über ganz Europa erstreckten, abwickelte. Zu nennen wären die Filialen in Avignon, Brügge, London, Neapel, Pisa und Zypern. Eine andere Art kaufmännischer Zusammenarbeit waren die Hansen, auch wiederum zum Schutz der Handelsinteressen, und zur Minderung wirtschaftlicher Risiken. Die Hansen waren in vielen Ländern verbreitet, Handelskontore gab es demzufolge in großen Städten wie London, Bergen, Nowgorod und Brügge. Vor allem die nördlich gelegeneren Staaten vetraten dieses Modell des Handels; Monopole bildeten sich. Ein Beispiel sei die Stadt Lübeck, denn sie beherrschte in ihrer Blütezeit das Handelsgeschehen in Nordost- und Mitteleuropa. Um Mitte des 15. Jahrhunderts begann allerdings der langsame Niedergang der Hansen. Reiche Handelsfamilien wie etwa die Welser und Fugger bestimmten später das Treiben des europäischen Handels. Anton Welser d. Ä. gründete 1498 die große Augsburger Handelsgesellschaft, die immer weiter expandierte und zur Zeit Karls V. die bedeutendste Warenhandels- und Reedereigesellschaft war, die Stützpunkte unter anderem in Antwerpen, Lyon und Madrid hatte. Auch die Fugger mehrten ihren Reichtum und weiteten ihren Machtbereich, ebenso wie die Medici, immer weiter aus. Sie waren die führenden Handels- und Bankfamilien.
Hauptzahlungsmittel blieb zunächst das Münzgeld, doch aus Sicherheitsgründen gingen die Kaufleute dazu über ihr Geld bei Geldwechslern zu deponieren und sich von ihnen eine Quittung geben zu lassen. So entstand aus dem Beruf des Geldwechslers der Beruf des Bankiers. Eine andere Form der Zahlungsweise waren die Wechsel, die im Laufe des 14. Jahrhunderts aufkamen. Die Banken entwickelten einen regelrechten Handel daraus. Große Finanzzentren waren zum Beispiel Avignon, Barcelona, Florenz, Genf, London, Mailand und Paris. Auch Brügge war bekannt für seine Banken, die die Geschäfte in Nordeuropa abwickelten. Die wohlhabenden Handels- und Bankiersfamilien schufen erste Monopole und weiteten ihren Machtbereich, über die Wirtschaft hinaus, aus. Sie übten Einfluß auf die politischen Geschehnisse aus, das heißt auf die Politik ihrer Städte sowie auf Könige und Päpste. Waren sie Mäzene, so war ihr Einfluß noch gewaltiger. Einflußreiche Familien waren die Medici und Strozzi in Italien, in Süddeutschland waren es die Fugger und Welser und in Frankreich Jacques Cœur. Da die Fürsten für Kriege oder Machtübernahmen immer Unmengen an Geld brauchten, waren sie auf die oben genannten Familien angewiesen. Anleihen mussten mit hohen Zinsen zurückgezahlt werden; dies war ein Grund für die zunehmende Macht. Man kann dies am Beispiel der Fugger verdeutlichen, denn sie machten es Karl V. erst möglich Kaiser zu werden, aufgrund ihrer finanziellen Unterstützung. Mit dessen Hilfe konnten sie später ihren Handel bis nach Südamerika ausdehnen. Sie gewährten auch Philipp II. von Spanien Kredite und übten Einfluß auf das politische Leben. Dass gerade die Fugger und Medici so reich und berühmt wurden, lag an ihrem politisch-ökonomischen Geschick und läßt sich anhand ihrer Handelswege, die sich über ganz Europa erstreckten, zeigen (Folie). Die Agenten dieser Familien besetzten deshalb wichtige politische Ämter in Süd- und Westeuropa.

3.2 Die Gesellschaft

In sozialen Angelegenheiten gab es Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen europäischen Staaten. Überall gab es Monarchien, deren Macht sich seit dem 13. Jahrhundert mehr und mehr ausdehnte. So zum Beispiel in England, Frankreich, Kastilien und Aragon. Die Fürsten hatten nur kleine Machtgebiete, die kaum zur Vereinheitlichung Europas beitrugen. Auch die sozialen Schichten waren überall ähnlich. Es gab den Adel, den Klerus, das Bürgertum und die Bauern.
Aufgrund der Vielstaaterei und der inneren Zerrissenheit mancher Staaten, kam nie ein Nationalgefühl oder -bewußtsein auf. Es entwickelte sich in Europa nur ein Gefühl der Gemeinschaft, als die Türken einfielen. Hier musste gegen den gemeinsamen Feind zusammengehalten werden. Die Menschen wurden dazu von der Kirche animiert.

3.2.1 Bevölkerungsrückgang

Grund für den Rückgang der Bevölkerungszahl war die Pest, die sich auf weite Teile Europas ausbreitete. Hungersnöte, Krankheiten und Kriege lösten diese Seuche aus. Die Schwarze Pest gehört zu den größten Tragödien der europäischen Geschichte, denn innerhalb weniger Monate wurde ein Drittel der Bevölkerung ausgelöscht Sie kam immer wieder. 1360, 1369, 1374 und mehrmals im 15. Jahrhundert. Die Folge war, dass die Lebenserwartung rapide zurück ging. So lag sie 1376 in England bei nur 17 Jahren. Man suchte Sündenböcke und fand sie in den Juden. Viel von ihnen flüchteten, vor allem nach Osten, denn König Kasimir III. gestand ihnen Privilegien zu. Allgemein erholte sich Europa sehr schwer von diesem recht hohen Bevölkerungsrückgang. Erst am Ende des 16. Jahrhunderts war die Bevölkerungszahl Europas wieder so hoch wie im Jahr 1316, vor Beginn der Seuche.

3.2.2 Soziale Unruhen

Die erste richtigen Aufstandsbewegungen fanden in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts statt. Zuvor gab es sie vorwiegend in den Städten, doch breiteten sie sich auch auf die ländlichen Regionen aus. Grund war der große Gegensatz zwischen den aufblühenden Städten und dem von Krisen geplagte ländliche Bereich. Gegen Ende des Mittelalters und mit Beginn der Neuzeit, wurde der Kontrast zwischen arm und reich immer deutlicher, das Gemeinschaftsgefühl ging verloren, welches zum Beispiel in den Zünften geherrscht hatte. So wurde es immer schwerer, Meister zu werden, und am Ende des 15. Jahrhunderts war die soziale Mobilität geringer als im 12. und 13. Jahrhundert. Die Spannungen auf dem Land nahmen zu, man protestiert gegen Mißwirtschaft und gegen die Habgier des Adels. In Frankreich gab es die "Jacquerien" (französische Bauern erhielten den Spottnamen "Jacques"), die zwar keine Gesellschaftsordnung zu verändern suchte, sich aber gegen die vorherrschende Willkürjustiz auflehnte. In ganz Europa fanden solche Aufstände statt, in Deutschland jedoch beschränkten sich die Unruhen vorrangig auf die Städte. Erst mit dem Bauernkrieg 1524/1525 gab es auch im ländlichen Bereich größere Konflikte. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts kam es in Frankreich, Katalonien und Böhmen zu einer weiteren Welle des Aufruhrs. Die Ursachen waren immer die gleichen. Religionsstreitigkeiten, wirtschaftliche und soziale Unzufriedenheit; das Volk wollte eine gerechtere Gesellschaftsordnung. Ihre Ängste und Nöte waren berechtigt, denn die Unsicherheit war bedingt durch die tiefgreifenden Veränderungen dieser Zeit.

3.3 Politik und Verwaltung

Anfang des 14. Jahrhunderts hatte Karl der Große die Idee einer Universalmacht. Er wollte die über seine Staatsgebiete herausgehende Vormachtstellung als Kaiser in Europa ausnutzen, um sich weitere Gebiete "einzuverleiben". Während Karl IV: seine Macht vergrößern konnte, verkleinert sich, ausgehend vom Schisma 1054, das Staatsgebiet der Kirche und somit die Macht des Papstes. Im Verlauf des 14. Jahrhunderts wurde dieser Universalgedanke aber verworfen, da es in Europa, vor allem in Italien, zur Zerstückelung Europas in viele kleine eigenständige Staaten kam. Es entstanden Königreiche und Fürstentümer, aber auch Stadtstaaten und kleine Herzogtümer.

3.3.1 Die territoriale Entwicklung

In der Entwicklung der Zerstückelung Europas kam es nach kurzer Zeit zum Verfall einiger Mächte während es anderen wiederum gelang ihre Macht auszubauen. Dies ist auf die Konkurrenz unter den Fürsten zurückzuführen, die wenige Bündnisse schlossen. Die alten Herrschaftsansprüche verschwanden und die Fürsten verteilten sie untereinander neu. Sie machten sich unabhängig vom Kaiser. Dieser hatte nur wenig Autorität, da er nur gewählt wurde - Goldene Bulle 1356 - und keine erblichen Ansprüche vorweisen konnte. So wurde die Zentralgewalt aufgelöst.
In Norditalien führten mächtige Familien das Regiment. Die mächtigsten waren die Visconti (Mailand) und die Medici (Florenz). Auf der iberischen Halbinsel kam es währenddessen zu einer politischen Einigung, in die auch die umliegenden Inselstaaten einbezogen wurden. Die Folge bar eine starke Seemacht. Aber auch Kastilien wollte Atlantikhäfen. Sie führten deshalb Krieg gegen Portugal, unterlagen jedoch (Cortes). Als Ausgleich dieser Niederlage führten sie ihre Streitkräfte im Bündnis mit Aragon gegen die Mauren. Spanien wurde geeint und rechristianisiert. Dies war ein bedeutender Schritt der Reconquista. Nur der 100jährige Krieg (1339 - 1453) zwischen Frankreich und England hatte europäische Ausmaße, da zahlreiche andere Mächte mit eingebunden wurden. Ausgangspunkt bar der Streit um die Besitztümer Englands in Frankreich. Mittlerweile hatte sich Burgund durch eine ausgeklügelte Heiratspolitik zu einem aufstrebenden Machtzentrum entwickelt. Zu den durch diese Politik erworbenen Gebieten gesellten sich bald durch Kauf erworbene Gebiete. Das Ziel war aus der Großmacht ein Mittelreich zu machen. Der Krieg gegen Frankreich setzte diesem Ziel jedoch mit dem Tod von Karl dem Kühnen (1477) ein jähes Ende. In Nordeuropa schlossen sich Dänemark, Schweden und Norwegen zusammen. Das durch Kolonialisierung, den Krieg gegen die Mongolen und die Verwaltung westeuropäischer Fürsten angeschlossene Osteuropa hatte nun wieder einen gemeinsamen Feind mit dem Westen - die Türken. Die Türken hatten das Gebiet bis zum auf Konstantinopel zusammengeschrumpften Byzantinischen Reich in ihrer Gewalt. Obwohl auch dies 1453 fiel, konnte man sich 1458 auch gegen diesen Feind erfolgreich verteidigen. Dies stärkte bzw. Erneuerte die Bindungen. Lediglich Polen machte sich unabhängig und führte die Religionsfreiheit 1410 ein. Rußland stand unter mongolischer Herrschaft und bar ebenfalls in viele kleine Fürstentümer unterteilt. Durch eine Einigung und die Hilfe der Kirche konnten die Mongolen jedoch 1380 zurückgeschlagen werden.

3.3.2 Vom Feudalstaat zum neuzeitlichen Nationalstaat

Die Macht in den europäische Staaten lag nicht wirklich beim König sondern beim Adel. Die Rangliste im Land war in einer Ständepyramide festgelegt. Nur wenige Könige konnten sich gegen den Adel durchsetzen obwohl sie an der Spitze dieser Pyramide standen. Diese Pyramide, die ursprünglich nur aus drei Ständen bestand: Klerus, Adel und dritter Stand; wurde nun durchlässig. Die Bürger in den Städten bekamen nun mehr Mitspracherechte und das Allgemeinwohl rückte wieder in den Mittelpunkt. Dies wirkte sich besonders in den Parlamenten aus (Erhebung der Steuern). Die Folge war eine niedergeschriebene Verfassung. Die Rechte des Volkes vermehrten sich aber nur langsam. Der König wurde nun gezwungen Kompetenzen abzugeben und Beamte einzustellen. Diese neue Art der Regierung stellte sich in den einzelnen europäischen Staaten mit erheblichen zeitlichen Verschiebungen ein. Es entwickelte sich allmählich ein Nationalgefühl; hervorgehoben durch den Kampf gegen gemeinsame Feinde, trotz der unterschiedlichen kulturellen Wertvorstellung. Nur in England war dieses Nationalgefühl als erstes in einer ausgereiften Form vorhanden. Das Nationalgefühl beschränkte sich aber nur auf einzelne Staaten, so daß kein Europagefühl unter der Führung eines christlichen Kaisers und somit des Papstes gab. Die Könige konnten ihre Zentralgewalt teilweise wahren, indem sie die Beamten abhängig machten und ein stehendes Heer aufstellten.

3.4 Religion und Geistesleben

3.4.1 Papst und Kirche

Nach der gregorianischen Reform im 11. Jahrhundert bestätigte sich im 13. Jahrhundert der weltumspannende Herrschaftsanspruch der römischen Kirche und somit des Papstes. Dies zeigte sich an der Kaiserkrönung durch den Papst. Da dieser aber seine Macht über die der Könige stellte, was nicht der Realität entsprach und seine Kompetenzen zu überschreiten drohte, kam es schnell zu Spannungen zwischen der geistlichen und weltlichen Macht. So kam es auch zum Konflikt mit dem König von Frankreich. 1303 starb Papst Bonifazius in Gefangenschaft, Papst Clemens mußte seit 1309 in Avignon residieren. Dies nennt man heute die Babylonische Gefangenschaft der Kirche. Nachdem diese 1377 beendet wurde und Papst Gregor XI: nach der Rückkehr nach Rom starb, wurde ein neuer Papst gewählt. Da dessen Regierungsstil aber nicht den Erwartungen der Kardinäle entsprach, wurde wiederum ein neuer Papst gewählt. Die Folge war der Beginn des Abendländischen Schismas, welches die Christen und auch ganz Europa spaltete, da sich die Fürsten hinter die jeweiligen Päpste in Rom und Avignon stellten. So sank das Ansehen von Papst und Kirche. Dreißig Jahre dauerte diese Krise, bis das Konzil von Pisa 1409 die beiden Päpste als Ketzer absetzte und einen neuen wählte. Nun gab es aber drei Päpste in Rom, Avignon und Pisa. Im Konzil in Konstanz (1414 - 1418) einigten sich dann aber die einflußreichsten europäischen Nationen und setzten die drei Päpste ab. Diese widersprachen nicht und Papst Martin V. wurde als neugewählter Papst anerkannt. Seine Nachfolger gewannen eine zeitlang die Oberhoheit über das Konzil in Florenz (1431 - 1449).

3.4.2 Ketzerbewegungen

Das Konzil von Konstanz verbot aber auch die Hussitenbewegung, die von dem Theologen Jan Hus ausging. Er fand die Bibel als einzig wahre Lehre und verwarf alle späteren Schriften und den Reichtum des Klerus, erworben durch Unterdrückung der Armen. Der Papst hatte seiner Meinung nach kein Recht Steuern zu erheben. Diese Lehre beruhte auf der von John Wyclif (1320 - 1384). Jan Hus predigte eine Reform des Klerus und wurde deshalb 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Seine Anhänger waren in Lollarden, Taboriten und Kalixtiner unterteilt und verzichteten auf materiellen Besitz. Nachdem sie nach Böhmen fliehen mußten kam es zum Aufstand, der aber nicht vollständig niedergeschlagen werden konnte, was sich später im 16. Jahrhundert bei den Lutheranern und Calvinisten zeigte.

3.4.3 Die Mystik

Durch die harte Zeit mit Hunger und Seuchen getrieben, suchten die Menschen Zuflucht in der von Gefühlen geleiteten mystischen Frömmigkeit. Sie wollten tugendhaft leben und die Sünde bekämpfen. Theologen schlugen diesen Weg schon seit Jahrhunderten ein. Im 14. und 15. Jahrhundert wurde diese Mystik dann in den Volkssprachen für jeden zugänglich gepredigt. Leitpersonen waren: Meister Eckhart, Johannes Tauler, Heinrich Seuse, Jan van Ruysbroeck und Katharina von Siena. Dies führte zu einer religiösen Bewegung ähnlich der Mystik, deren Gründer Groote bar. Er entsagte allen materiellen Gütern und führte mit seinen Anhängern ein klösterliches Leben. Eine andere Bewegung war die Devotio moderna. Thomas von Kempten betonte die Frömmigkeit und verkündete eine mystische Vereinigung mit Gott, die aus dessen Liebe und Gnade hervorgehen sollte. Im Vordergrund all dieser mystischen Glaubensvorstellungen stand aber die persönliche Glaubenserfahrung.

3.5 Kulturelle Veränderungen

3.5.1 Allgemeine Entwicklung

Im Mittelalter wurde die Tradition der vorhergehenden Epoche in Europa weitgehend fortgesetzt. Die Bildhauerei und Malerei waren fast nur auf kirchliche Aufträge beschränkt. Sie dienten der Ausschmückung und der Verzierung der Kirchen im flammenden gotischen Stil und der Behandlung von religiösen Motiven. Dies zeigt sich besonders in der Buchmalerei (Brüder von Limburg). Heute noch zeugen Profangebäude, wie die Heilig-Kreuz-Kirche in Schwäbisch Gmünd und die Stadttore in Freiburg, von der Verschwendungssucht der Kirche in der damaligen harten, von Seuchen und Hungersnöten geprägten, Zeit. Nur zwei Regionen erlebten ein wahres "goldenes Zeitalter" der Kultur: die Städte Oberitaliens und die Niederlande.

3.5.2 Burgundische Kunst

Durch den wirtschaftlichen Wohlstand der Städte wurde der Herzog von Burgund zum reichsten Herrscher in Westeuropa. Nur Venedig konnte hier noch mithalten. Dieser Reichtum und der damit verbundene Wunsch nach Luxus, brachte die Kunst zu einem Höhepunkt, der sich in der außerordentlichen Farbigkeit, ermöglicht durch eine verbesserte Maltechnik im Zuge der Entstehung der Ölmalerei, bemerkbar machte. In der Renaissance wurde die Öltechnik und die Farbskala schließlich perfektioniert. Nun stand das Detail im Vordergrund. Die Schaffung von räumlicher Tiefe unter Verwendung von Symbolen (Lilie verkörperte die Reinheit Marias) wurde zum ersten Mal versucht. Auch in der Musik zeigte sich eine Entwicklung. Es wurden mehrstimmige Vokalmessen und Motetten geschrieben und an Singschulen unterrichtet.

3.5.3 Die Renaissance und der Humanismus in Italien

In Italien kam es zur Hochblüte der Renaissance. Hier waren die meisten Spuren der Antike, im Vergleich zum Rest Europas, erhalten geblieben. Sie bestanden aus Leistungen der Griechen und Römer. Die Erkenntnisse der Antike wurden in der Renaissance wieder aufgegriffen und sogar erweitert. Sie umfassten alle Gebiete der Kunst: Architektur, Malerei, Bildhauerei, Literatur und Musik. Die Philosophie wurde in dieser Zeit zum Humanismus. Dieser entstand in Oberitalien unter dem Begründer Dantes (1265 - 1321). Das Studieren der antiken Schriften führte zu einem neuen Blickwinkel. Statt des christlichen Glaubens rückte nun der Mensch als Einzelwesen und würdevolles Abbild Gottes in den Mittelpunkt. Die Humanisten traten für die Freiheit des einzelnen Menschen ein. Durch diese Entwicklung verlor die Philosophie nun an Bedeutung und andere Wissenschaften traten in den Vordergrund. Durch den Buchdruck und Übersetzungen wurde dieses universelle Wissen über den Mensch und die Natur jetzt auch den "Nichtgelehrten" zugänglich. Selbst die Regenten der Stadtrepubliken unterstützen Künstler und Gelehrte mit Schulen und Akademien nach dem Vorbild der Medici. Nun stand der Verbreitung des Humanismus in Europa nichts mehr im Wege. Es tauchte ein neues Schönheitsideal auf, das sich in der Symmetrie der Raumgestaltung der Bauten zeigte (Brunelleschi 1377 - 1446). Die Bildhauerei bekam einen eigen Rang. Die Maler, wie Giotto, konzentrierten sich auf die Bewegungen des menschlichen Körpers und die anatomische Genauigkeit. Leonardo da Vinci näherte sich als Künstler und Wissenschaftler dem humanistischen Ideal eines homo universales. Nach 1516 breitete sich die Kunst der Renaissance über ganz Europa aus.
Das 14./15. Jahrhundert war also trotz der Hungersnöte, Kriege, Aufstände und religiösen Wirren nicht nur eine Zeit der Unsicherheit für Europa, sondern auch eine Zeit der Hoffnung. Es wurden Anfänge für den neuzeitlichen Staat, sowie individuelle Erfahrungen im Glauben wie im humanistischen Denken gemacht. Es gab einen Höhepunkt der Kultur, und durch den Buchdruck und die Segelschiffe wurden neue Räume für neue Ideen und neuen Lebensräume erschlossen.

3.6 Renaissance - die Schwelle der europäischen Neuzeit

3.6.1 Zeitleiste:

14. Jahrhundert Fließender Übergang in die Epoche der Renaissance
1316 Hungersnot in Europa. Beginn der Agrarkrise
1339 - 1453 Hundertjähriger Krieg zwischen Frankreich und England
1347 - 1374 Pestepidemien in Europa. Bevölkerungsrückgang
1356 Goldene Bulle. Regelung der Wahl des deutschen Königs. Die Osmanen dringen nach Europa vor
1378 - 1382 Aufstände in vielen Städten Europas
14./15. Jahrhundert Reger Austausch in Kunst und Wissenschaft
1414 - 1418 Konzil zu Konstanz: Ende der Kirchenspaltung
um 1450 Erfindung des Buchdrucks
1453 Die Türken erobern das Oströmische Reich (Konstantinopel)
1469 Heirat zwischen Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon: Ausgangspunkt für die Einigung ganz Spaniens
1492 Entdeckung Amerikas
1494 König Karl VIII. fällt in Italien ein
1498 Vasco da Gama erreicht Indien auf dem Seeweg
1517 Luthers Thesenanschlag
1521 Bündnis Karls V., England und dem Papst gegen Frankreich
1524/1525 Deutscher Bauernkrieg
1527 Plünderung Roms
1529 Die Türken belagern Wien
1534 Heinrich VIII. löst die englische Kirche von Rom
1538 Beendigung der italienischen Kriege
1546 Waffenstillstand mit den Osmanen
1555/1556 Augsburger Religionsfriede. Kaiser Karl V. dankt ab

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